„Wir müssen Biodiversität auf allen Ebenen fördern, weil alle Lebewesen, egal ob Bakterium, Pilz, Pflanze oder Tier ein Recht auf ein lebenswertes Leben haben. Ich möchte allen davon erzählen, die es hören wollen – oder müssen“ – mit diesen Worten begann German Weber seinen praxisnahen Vortrag im Rahmen des Klimafrühlings 2026. Das Event unter dem Titel „Klima – Ernährung – Biodiversität“ fand am 14. April beim DAV Memmingen statt. Weber ist Biologe und Vorstand der Stiftung Kulturlandschaft Günztal sowie Biologie- und Chemielehrer am Bernhard-Strigel-Gymnasium in Memmingen. Zudem ist er Träger der Bayerischen Staatsmedaille für besondere Verdienste um die Umwelt. Er erläuterte Zusammenhänge und gab Denkanstöße zum eigenen Ernährungsverhalten.
Zu Beginn stellte Weber die Bedeutung verschiedener Ökosysteme für den Klimaschutz heraus. Während Wälder und Moore große Mengen Kohlenstoff speichern können, kommt auch naturnah bewirtschaftetem Grünland eine wichtige Rolle zu. Entscheidend sei jedoch die Nutzung: Intensiv bewirtschaftete Flächen verlieren an Speicherfähigkeit und Biodiversität, während extensive Weiden stabile Kohlenstoffsenken und artenreiche Lebensräume darstellen.
Besonders eindrücklich wurde sein Vortrag dort, wo er das Große im Kleinen sichtbar machte – etwa am Beispiel eines Kuhfladens. Was unscheinbar wirkt, ist in Wahrheit ein zentraler Baustein im Ökosystem: Der Dung von Rindern zieht zahlreiche Insekten an, die wiederum Nahrungsgrundlage für Vögel wie Stare sind. Genau dieser Kreislauf gerät jedoch zunehmend aus dem Gleichgewicht. Durch Stallhaltung sowie den verstärkten Anbau von Mais und Raps fehlt es vielerorts an Weidetieren und damit an natürlichen Lebensräumen. Parallel dazu ist die Biomasse der Fluginsekten seit den 1990er-Jahren um rund 80 Prozent zurückgegangen – mit gravierenden Folgen für ganze Nahrungsketten.
Weber ordnete diese Entwicklung in einen größeren ökologischen Kontext ein: Früher prägten große Pflanzenfresser wie Auerochsen, Wisente oder Wildpferde als „Landschaftsarchitekten“ offene Lebensräume. Ihr Verschwinden führt zur Verwaldung vieler Flächen, wodurch lichtliebende Arten – insbesondere Insekten – zurückgedrängt werden. Weltweit sind heute rund 60 Prozent dieser großen Pflanzenfresser bedroht, was die Stabilität ganzer Ökosysteme gefährdet.
Ein zentraler Punkt seines Vortrags war die klare Differenzierung: Nicht die Kuh ist das Problem, sondern ihre Haltung. Naturnahe Weidehaltung, wie sie Weber unter anderem im Günztal fördert, kann aktiv zur Biodiversität beitragen. Dort wird jedoch deutlich, wie stark sich die Landwirtschaft verändert hat: Intensive Nutzung mit häufigen Mahden, hoher Düngung und strukturarmen Flächen hat zu einem massiven Artenrückgang geführt. Projekte wie „Insektenfreundliches Günztal“, unterstützt vom Bundesamt für Naturschutz, setzen hier gezielt an – etwa durch Mikrohabitate, Hecken und extensivere Bewirtschaftungsformen.
Auch die Wahl der Tiere spielt eine Rolle: Traditionelle Rassen wie das Allgäuer Original Braunvieh sind an diese Form der Weidehaltung gut angepasst, wurden jedoch lange zugunsten leistungsstärkerer Hochleistungsrassen verdrängt.
Die zentrale Botschaft des Abends: Klimaschutz und Biodiversität lassen sich nicht isoliert betrachten. Eine naturnahe Landwirtschaft – mit Weidetieren, die Teil des Ökosystems sind – kann beides verbinden. Voraussetzung ist ein Umdenken: weg von reiner Effizienz, hin zu einer Bewirtschaftung, die natürliche Kreisläufe wieder zulässt.


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